Immer wieder saß er am Rand der kleinen Wolke, die für Träumer als Ruheplatz ausgewiesen war. Dort konnte man so schön seine Gedanken und Wünsche in alle Richtungen schweben lassen. Doch alles Sehnen und Wünschen des kleinen Königs, wie man ihn überall liebevoll nannte, ging immer in Richtung Erde. Am liebsten schaute er dabei auf die Zeit des Königs Artus. Wie gern würde er nur einmal an dessen Tafelrunde sitzen mitten unter all den Edelsten der Ritter. Nur einen kleinen Moment. Es mit allen Erdensinnen aufnehmen, was dort für Erdenwesen zu erleben war. Wie hoch und edel das Leben, die Seele und der Geist von König und Rittern und den edlen Damen, aber auch wie schmerzlich und entsagungsreich. Wie viel Mut und Tapferkeit, aber auch wieviel Sorge, Kummer und Verzweiflung verfolgte er von oben mit, immer und immer wieder.
„Ach, wenn ich doch nur einmal, einmal dabei sein und es wirklich fühlen dürfte“, dachte er immer wieder. Es mußte ganz anders sein, dies Dasein als Erdenmensch, als er es hier in himmlischen Gefilden wußte.
Da geschah es, dass er gerufen wurde, denn seine Zeit war gekommen. „Nun, kleiner König, es ist soweit. Du solltest dich vorbereiten für eine Reise zur Erde. Du weißt, da gibt es noch ein Päckchen, welches auf dich wartet. Das mußt du mitnehmen, du hast es dir vor langer Zeit selbst geschnürt. Aber sag nur, wohin zieht es dich denn?“
„Oh, ich möchte so gern zu König Artus, wenn das möglich wäre. Das wäre einfach wunderbar. Ich möchte ihn einmal wahrhaftig erleben, umgeben von seinen Rittern, in sein Antlitz schauen, ihn sprechen hören und alles das fühlen, was man da eben auf Erden empfinden kann.“
„Ach, kleiner König, das geht nunmal eben gar nicht. Diese Zeit ist längst vorbei und kaum einer weiß noch darüber zu erzählen. Du kannst nicht in vergangene Zeiten, du mußt in die ganz nahe zukünftige Zeit hineingeboren werden. Komm, es soll dir gezeigt werden!“
So durfte der kleine König einen Blick erhaschen in die derzeitigen Gegebenheiten der Erdenwelt und in die mögliche Zukunft, welche dadurch sich bilden könnte. Du lieber Himmel, was war da zu sehen! Unmöglich, dort hin konnte er doch unmöglich geschickt werden! Oder doch? Wie war das möglich, dass die halbe Welt voller Leidender in großer Not war, als wären sie alle aus dem leidenden König Amfortas entstanden, unerlöst, wartend und hoffend auf den Einen, der endlich die wichtigste aller Fragen stellen würde. Und die restliche Hälfte schien das gar nicht zu bemerken, oder sie wollten nicht, oder es schmerzte sie diese Not nicht, sie schienen in tiefer Blindheit und Gleichgültigkeit hohl und leer dahinzuwandeln. Und dunkel war es, kalt war es, Einsamkeit waberte wie trüber schattenloser Nebel um die armen Seelen.
„Aber das ist ja entsetzlich!“ entfuhr es ihm. „Wie konnte das denn geschehen? Wissen sie nichts von den Gralsrittern? Hat es ihnen denn keiner erzählt? Wissen sie nicht um die Gralsburg, um Parzifal? Wissen sie denn gar nichts da unten? Wie konnten sie es nur so weit kommen lassen? Warum tun sie denn nichts? Sie tun ja gar nichts, wie kann das möglich sein?“
„Oh, es gibt ein paar, die es wissen. Sie bemühen sich sehr. Doch das Leid hat überhand genommen. So viele wollen sich auch gar nicht helfen lassen, und käme Parzifal auch höchst persönlich mitsamt dem heiligen Gral daher. Es ist eine große Verwirrung, alles steht auf dem Kopf. Ehrlich gesagt, es steht auf Messers Schneide derzeit. Das Edle und Tugendhafte, das Ritterliche ist inzwischen gar recht verpönt, wie du sehen kannst. Es ist nicht leicht, nein, es ist wahrhaftig nicht leicht. Aber, kleiner König, es gibt da schon auch Könige, schau genau hin, sie sind von den Menschen zu Königen gemacht worden und sind reich und haben Macht. Sie werden sehr verehrt. Allerdings haben sie allesamt wenig Ähnlichkeit mit König Artus, sehr wenig, zumeist gar keine. Wenn du willst, könntest du ein solcher König werden. Nein? Du willst nicht?“
Der kleine König wandte sich traurig und angewidert ab. Ein tiefer Seufzer entrang sich seiner Brust. Nein, ein solcher König wollte er nicht werden. Niemals. Aber es war ja ausgerechnet jetzt seine Zeit gekommen. Er mußte sich entscheiden. Und sein Päckchen nehmen und sich auf den Weg machen.
„Wenn es also sein muß,“ sagte der kleine König, „dann will ich hinunter und mein bestes geben. Ich will mich dann an alles erinnern, was ich beobachtet habe von der kleinen Wolke aus. Dann will ich jene fragen, was so dringend gefragt werden muß, die mich anhören wollen. Und jenen helfen, die von mir geholfen haben wollen. Bei jenen sein und ihre Hand halten, die mich bei sich haben wollen.“
„Du gehst nicht allein durch Dunkelheit und Nebel. Wir werden dich immer wieder stubsen, damit du dich erinnerst. Wir werden deine Fragen hören und deine Hilfe sehen, kleiner König, selbst dann, wenn es auf Erden nicht bemerkt wird. Auch du selbst wirst manchmal nicht bemerken, dass du es um dich und deine Wege herum etwas heller machst, für deine Brüder und Schwestern es schöner und wärmer machst, dass dein Herz ein leises Lied anstimmt, immer und immer wieder, welches tröstet, lindert und heilt, bist du selbst auch noch so erschöpft. Du wirst dich hin und wieder verlaufen, straucheln, fallen. Du wirst schimpfen und klagen, ja, erzürnen wirst du dich, über gar alles und jeden und auch über dich selbst. Doch dein kleines Lied wird nie ganz verstummen, wenn du es auch mit Tränen singst und dich der Mut ganz verlassen hat. Du wirst es meistern, auch wenn du dich gescheitert wähnst.“
Und so geschah es, dass der kleine König zur Erde kam. Noch immer träumt er ein manches mal von König Artus, den edlen tugendhaften Gralsrittern. Die kleine Wolke mußte er vergessen, ebenso wie das Gespräch und das Versprechen, das ihm gegeben wurde. Noch immer strauchelt er manches mal, weint und schimpft. Doch immer wieder singt er leise sein Lied. Immer wieder stellt er leise die Fragen, die sein Herz ihm zu fragen befiehlt:
„Was fehlt dir? Was brauchst du? Darf ich dir für einen Moment meine Hand reichen?“
Der Kleine König hat zwei Patinnen – eine Malerin Cläre Kunze und eine Geschichtenerzählerin Elke Grözinger.
